Vater, Mutter, Fan – Das Leben in der ersten Reihe Eine Reportage über Fans, Fandoms und Fanfiction

Der Konzertanfang rückt näher und die Unruhe im Publikum steigt. Unter den lauten Rufen der aufgeregten Menschenmenge ist die leise Melodie aktueller Radiomusik zu hören. Eine Spannung liegt in der Luft, die unerträglich vor Aufregung scheint. Der Handybildschirm wird mit den verschwitzten Händen angeschaltet, um zu sehen, wie viel Zeit bis zum Beginn der Show bleibt.

Die Bühne wird durch ein großes gespanntes Tuch verdeckt. In den ersten Reihen fangen die Mädchen hysterisch zu kreischen an. Bemalte Hände mit dem Logo ihres Idols sind nach oben gestreckt und jederzeit bereit, das bevorstehende Spektakel mit starken Handbewegungen zu unterstützen.
Das stundenlange Warten vor der Konzerthalle hat sich nun endlich gelohnt. Die Halle wird dunkel, das Gemurmel stellt sich ein. Olfaktorisch nehmen die Zuschauer den herben Geruch des weißen Rauches aus der Nebelmaschine wahr. Die bunten Scheinwerfer tanzen hektisch über das Publikum bis hin zu der verdeckten Bühne. In der dicht gedrängten Menschenmenge breitet sich die unerträgliche Hitze aus. Der Herzschlag wird schneller, die Atemzüge flacher. Bald ist es soweit. Das anfängliche leichte Kribbeln im Bauch breitet sich auf den ganzen Körper aus. Es wird von einem auf den anderen Fuß getreten, den Blick starr auf die Bühne gerichtet.
Plötzlich fällt das Tuch. Begleitet von dem Aufschrei des Publikums durchflutet das gleißend helle Licht die Halle. Der vibrierende Bass setzt ein und alle Herzen im Raum schlagen im selben Rhythmus.

Nicht nur Konzertgänger spüren dieses überwältigende Gefühl von vollkommener Zuneigung und Freude vor dem großen Auftritt, denn es ist in jeder Fankultur in abgewandelter Form vorhanden. Fußballfans verspüren ebenso diesen Drang zum Jubeln, wenn sie ihren Lieblingsverein spielen sehen, Bücherwürmer fiebern Wochen vor dem Erscheinen ihres Lieblingsbuches dem Kauf entgegen und Kinogänger besuchen verkleidet in ihrem Superhelden-Kostüm die Premiere des neuen Filmes ihres Helden. Neben vielen Unterschieden haben alle Fankulturen eines gemeinsam: Den Nervenkitzel und die Schmetterlinge im Bauch kurz vor der Begegnung mit dem Idol.

Die Erklärung des Phänomens der Begeisterung für einen völlig fremden Menschen oder für eine Sache ist schwierig zu finden. Das Wort “Fan” stammt ursprünglich von dem englischen Wort ”fanatic” und beschreibt eine Person, die besessen von einer Idee ist. In der Sozialwissenschaft wird ein Fan als Person definiert, welche seinem Idol eine emotionale, bewusste und verhaltensbezogene Verehrung entgegenbringt. Das Idol ist einem meistens völlig fremd, denn das Mysteriöse macht die Spannung und die Neugierde aus. Fanobjekte können personal, kollektiv, gegenständlich oder abstrakt sein. Personale Idole sind menschliche Personen, zum Beispiel der Lieblingsmusiker der jugendlichen Tochter. Der Lieblingssportverein des Vaters ist ein kollektives Objekt. Obwohl der Verein aus mehreren Sportlern besteht, verehrt der Vater den Verband als Ganzes. Der Sohn hingegen spielt gerne mit den bunten gegenständlichen Bausteinen von Lego. Sein Fanobjekt kann gesehen und angefasst werden. Diese Eigenschaft ist nicht obligatorisch, um als Fanobjekt definiert zu werden.
Eine Fankultur kann sich auch um eine abstrakte und ausgedachte Geschichte in Büchern bilden. So kann die Mutter sowohl Fan der Buchreihe sein, als auch Bewunderung für die Handlung und für die fiktionalen Charaktere hegen. Neben Musikern haben daher ebenso Schauspieler Anhänger. Eine Buchreihe hat eine begeisterte Lesegemeinschaft und ein Lieblingsspielzeug bringt die Augen eines Kindes zum Leuchten.

Die Zeitlosigkeit des Fan-Seins
Fans gibt es schon seit jeher. Wagen wir einen Blick in die Vergangenheit und reisen zurück in die Steinzeit: Überleben stand damals an erster Stelle. Gutes und praktisches Werkzeug sicherte das Überleben der Gemeinschaft. Ihr Schwerpunkt der Begeisterung lag somit bei ihren Jagdinstrumenten.
Wandern wir erneut ein paar Jahrzehnte in Richtung 2017. Um genau zu sein, in das Jahr 1889. Am 26. März erwähnte die US-amerikanische Tageszeitung “Kansas Times and Star” in einem Artikel zum ersten Mal den Begriff des “Fans”. Reporter, die begeistert Baseball oder American Football kommentieren, nennen seit diesem Zeitpunkt die begeisterten, Corndog essenden Zuschauer auf den Tribünen “Fans”. Somit ist die Urform aller Fandoms der Sport.
Die Modernisierungsprozesse im 19. Jahrhundert brachten die Eisenbahn, das Dampfschiff und unter anderem die “Spinning Jenny” hervor. Viele neue Produzenten schaffen mit kleinen, verspielten Sammelobjekten, wie zum Beispiel der Briefmarke, die keineswegs nur dem Versenden von Post dient, einen wahren Trend. In kleine bemalte Sammelalben werden die Wertmarken nicht nur von Kindern liebevoll eingeklebt und gepflegt, denn auch erwachsene, leidenschaftliche Briefmarkensammler konnten nach der ersten Herausgabe einer modernen Briefmarke im Jahre 1840 nicht genug von dem kleinen Stück Papier bekommen.
Somit wird zum ersten Mal in der Geschichte das Fantum zu einem Massenphänomen.
In den 1950er entsteht mit dem Fernsehen eine neue Unterhaltungsform. Durch das Wirtschaftswunder ist es vielen Menschen der Mittelschicht möglich, diese neue Technik in ihren Haushalt zu holen. Die schnellere Art der Nachrichtenüberbringung zwingt sie nicht mehr dazu, nur das Geschehen vor ihrer eigenen Haustür wahrzunehmen oder an entlegene Orte zu reisen, um ihre Idole zu sehen. Sie bekommen nicht nur aktuelle Informationen des Weltgeschehens in die eigenen vier Wände, sondern auch einen Einblick in die fremde Welt der damaligen aufstrebenden Stars und Sternchen. In der Fernsehsendung “Hitparade”, die 1969 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, traten berühmte Sänger, wie beispielsweise Jürgen Drews oder Heino, auf. Durch diese stets zunehmende Präsenz der Musiker im Leben der Zuschauer entwickelt sich nach und nach eine immer tiefer gehende Verbindung der Fans mit ihren Fanobjekten.

Die Lichter blendend, die Musik ohrenbetäubend, der Hitzeschwall überwältigend. Langsam setzen alle überreizten Sinne wieder ein. Einzelne Liedzeilen sind aus der Geräuschkulisse heraus zu hören. Kreischende Zuschauer, hysterische Liebesbekenntnisse, tosendes Klatschen und mittendrin ein lauter Ausruf aus den Lautsprechern: “So Leute, jetzt seid ihr dran!” Bevor ein klarer Gedanke gefasst werden kann, sprudeln die Worte unaufhaltsam aus den Mündern der Fans. Das leise und schüchterne Singen verstärkt sich mit der zunehmenden Euphorie. Der Gesang dröhnt immer lauter und intensiver in den Ohren der Konzertbesucher. Das Grinsen im Gesicht wird breiter und breiter. Hände und Arme sind in die Höhe gestreckt. Immer schneller werden sie von rechts nach links und von links nach rechts geschwungen. Die Augen sind starr auf die Silhouette im Licht der Bühne fixiert. Zuerst ist sie dunkel, doch mit zunehmendem Hervortreten wird die Figur deutlicher und vereinzelte Merkmale werden erkennbar. Das Idol steht in seiner vollen Pracht im Rampenlicht. Der Blick der glänzenden Augen der Fans wandert von den mit Pailletten besetzten schwarz glänzenden Schuhen bis hin zu dem perfekt sitzenden Haar. Jedes Detail wird eine bleibende Erinnerung in den Köpfen der Zuschauer sein. Mit jeder gesungenen Note wächst das wohlige Gefühl der Liebe im Bauch der faszinierten Menge für dieses berühmte und in ihren Augen perfekte Wesen.
Die Menge wird immer wieder von den wild umherschweifenden Scheinwerfern beleuchtet. Fröhlich lachende Gesichter leuchten rot, grün, blau und pink. Kurz blinkt das Gesicht eines jungen Mädchens orange auf. Sie lächelt mit großen Augen ihrem Idol zu. Ein Mädchen, das im Meer von Gesichtern kaum heraussticht. Sie ist eine von vielen. Doch sie ist ein gutes Beispiel dafür, die Beziehung von einem Fanobjekt zu seinem Fan zu beschreiben.
Das Mädchen, nennen wir sie Lea, ist 14 Jahre alt. Lea ist Fan der Band “Multipop” und befasst sich schon seit Jahren intensiv mit deren Musik. Die Verehrung der Band ist für sie Teil ihres Charakters geworden. Auf die Frage, was ihre Identität ausmache, würde sie ihr Alter, ihre Staatsangehörigkeit, ihren Heimatort und “Multipop” erwähnen.
Nicht nur Lea identifiziert sich bewusst als Mitglied einer Fankultur, denn jeder wahre Fan lässt die Liebe zu seinem Idol in seine Persönlichkeit einfließen. Dieses neue Verhalten und diese neue Einstellung, geprägt durch das Fanobjekt, macht sie zu dem, was sie sind.
Dieser Einfluss des Fanobjektes ist oft im Alltag zu sehen, wenn auch manchmal unbewusst: An Autos prangen Aufkleber des “FC Bayern München”, im Büro wird stets aus der heiß geliebten “Game of Thrones”-Tasse getrunken und Band-T-Shirts werden stolz als Accessoir zur Schau gestellt.
Leas Fanliebe reicht so weit, dass sie ein Gruppenbild ihrer Lieblingsband als Bildschirmhintergrundbild auf ihrem Handy hat. So strahlen ihr jeden Morgen nach dem Aufwachen die vier lachende Gesichter ihrer Lieblingsmenschen entgegen.
Lea ist noch jung und muss erst herausfinden, wer sie im späteren Leben sein will. Auf der Suche nach ihrer Identität ist sie wie jeder Jugendliche experimentierfreudig. Fremde Dinge scheinen ansprechend und schreien förmlich danach, ausprobiert zu werden. Nur so kann herausgefunden werden, ob es einem gefällt. Natürlich wird auch erprobt, welche Fanobjekte von Interesse sind.
Jugendliche Fans neigen zu schneller Begeisterung und haben demnach meist mehrere Fanobjekte, zu denen sie aufschauen und mit denen sie sich identifizieren können. Lea kann deshalb ein großer Fan von “Multipop” sein und sich gleichzeitig auch für die Serie “Gossip Girl” begeistern.
Doch wie genau hat sich Lea ihre Idole ausgesucht? Was sind ihre Beweggründe, sich einer dieser Fankulturen anzuschließen? An erster Stelle stehen ihre Vorlieben und ihre Begeisterung. Wenn Lea laut krachende, aber dennoch harmonisch klingende Melodien bevorzugt, so wird sie eher Fan einer Punkrock-Band. Das gleiche gilt für Serien. Lea mag dramatische Geschichten mit komplexen Liebesverhältnissen und hinterhältigen Intrigen, die scheinbar unlösbar erscheinen. Für sie ist ein Dokumentarfilm über die “Taraxacum officinale” nicht weiterzuempfehlen. Dieser spezielle Geschmack kommt jedoch nicht von irgendwoher, denn Leas Umfeld spielt zusätzlich eine große Rolle in der Entwicklung ihrer Interessen. Wenn Leas engste Freunde die gleichen Serien und Filme schauen wie sie, so beflügelt sich diese homogene Gemeinschaft gegenseitig in ihrem Handeln. Wird ihr Verhalten als Bewunderer eines Fanobjektes vom Umfeld als positiv wahrgenommen, so steht im Mittelpunkt, dass Lea durch diese Einflüsse weiterhin Fan dieser Sache oder dieser Person bleibt, sich aber dennoch neuen Fanobjekten zuwendet.
Lea spielt Cello. Sie übt dreimal die Woche und wirkt im Streichensemble der Schule mit. Das Musizieren ist ihre Leidenschaft und so gehört das Cello und alles rund um ihr geliebtes Instrument zu ihrem Interessenbereich. Große Bewunderung hegt sie selbstverständlich für Menschen, die in diesem Gebiet außerordentliche Leistungen erbringen, wie beispielsweise der weltberühmte Cellist Yo-Yo Ma, dessen Fangemeinde auch Lea angehört. Yo-Yo Ma ist ein begnadeter Musiker, den Lea für sein Talent und sein Können schätzt. Für sie ist er womöglich sogar ein Vorbild, der ihr zeigt, wie gut sie mit viel Übung und Anstrengung werden könnte. Mit viel Freude strebt Lea es an, eines Tages ihrem Idol auf künstlerischem Niveau näherzukommen. Die Musikbegeisterte weiß, wie schwer die Stücke sind, die Yo-Yo Ma vorspielt, desto beeindruckter ist sie, wenn ihr Fanobjekt mit einer Leichtigkeit die Kunst des Instrumentes perfekt beherrscht. Die Hochachtung vor dem Meister ihres Interessenbereichs mischt sich mit ihrem Wunsch, auch so gut zu spielen. Daraus resultiert ihre Motivation, den chinesischen Klassikkünstler als Fanobjekt auszuwählen.
Lea bewundert ihre Fanobjekte und lässt sich von ihnen begeistern. Die Verehrung entstammt dem Interesse des Fans am Beruf und Leistungsbereich des Idols. Oftmals kann sich aus der anfänglichen Bewunderung eine Liebe entwickeln. Je mehr sich ein Fan mit seinem Fanobjekt auseinandersetzt, desto mehr lernt er über diese Personen. Der Anhänger erkennt, dass ihm die neu entdeckten Facetten seines Angehimmelten zusagen.
Wenn jemand aufgefordert wird, ein Fangirl zu beschreiben, dann wird man meistens die gleiche Antwort bekommen. Das erste Bild, das einem in den Sinn kommt sind kreischende Mädchen, die stundenlang vor Restaurants, Radiosendern und Produktionsstudios ausharren, nur um ihr Idol für wenige Sekunden zu Gesicht zu bekommen. Kleine mit Blümchen bemalte Autogrammhefte werden in die Luft gestreckt, in der Hoffnung eine Unterschrift ihres Stars zu erhaschen. Aufgeregt richten sie sich ihre Haare und ziehen in Eile den Lippenstift nach, um ja auf dem Selfie mit ihrem Leitbild gut auszusehen, damit man es am Ende des Tages stolz auf “Instagram” posten kann. Das Gefühlsspektrum eines jungen, weiblichen Fangirls wird oft mit völligem Gefühlschaos gleichgesetzt. In der einen Sekunde lachen sie vor Glück, da sie sich über den Anblick ihres Fanobjektes freuen, in der anderen Sekunde fangen sie zu weinen und zu schreien an, da sie die Anwesenheit ihres Stars überfordert. Bei Konzerten reservieren sich die eifrigen Verehrerinnen einen Platz in der ersten Reihe, um ihrem Vorbild so nahe wie möglich zu sein. Sie halten selbstgebastelte Plakate in die Höhe, auf denen Liebesbekenntnisse und unmoralische Angebote in glitzernder Schnörkelschrift stehen.
Auch über die Garderobe der Fangirls ist sich die Mehrheit der Befragten einig. Ein Kleiderschrank ohne ein einziges Band-T-Shirt ist nicht auszudenken. Das Leben als Fangirl ist stark mit dem ihrer Fanobjekte verknüpft. Sie fühlen sich sehr emotional mit ihnen verbunden.
Nehmen wir Lea mit ihrer Lieblingsband “Mulitipop” als Beispiel. Lea hat sich in den Frontsänger Tim verknallt. Für sie ist Tim der attraktivste Mann der Welt. Wenn Tim auf die Bühne tritt, ist Lea die Erste, die ganz laut ”Ich Liebe dich Tim!” schreit, in der Hoffnung, dass er es hört und reagiert. Sie weiß, dass Tim eine Freundin hat. Ein berühmtes Model mit nettem Lächeln und unheimlich viel Charme.
In solch einer Situation treten Meinungsverschiedenheiten in der Fangemeinde auf und sie teilt sich somit in zwei Bereiche. Die erste Gruppe freut sich über Tims Beziehung, immerhin will jeder Fan nur das Beste für sein Idol. Der andere Bereich ist aus den Fangirls mit verletzten Gefühlen zusammengesetzt. Nachdem der erste Schock der Verzweiflung aufgrund der nicht erwiderten Gefühle überwunden ist, geht es in die Offensive. Die Macht der Fangirls darf dabei nicht unterschätzt werden.
Diese Erfahrung musste auch Pop-Sänger Justin Bieber letztes Jahr machen. Der Musiker veröffentlichte im Sommer auf Instagram ein Bild zusammen mit einem Model. Schnell verbreitete sich auf den sozialen Netzwerken das Gerücht einer Affäre. Im Internet fühlen sich die meisten Menschen sicher, denn sie können unbekannt mit einem anonymen Namen auf den Plattformen agieren. Die Folge waren Morddrohungen von vermeintlichen Fans, die ihren Star Justin Bieber ganz für sich alleine beanspruchen wollten und keine weiteren Kontakte ihres Vorbildes mit Mädchen duldeten. Die Enttäuschung der Fans darüber, dass ihr Idol nicht mehr zu haben ist, war, den Reaktionen zu urteilen nach, sehr groß. Der Musiker zog sich daraufhin aus den sozialen Netzwerken zurück.
Fangirls sind leidenschaftliche Anhänger, die von der Musik- und Filmindustrie wahrgenommen werden. Die strategische Zusammensetzung einer Boyband, die genau auf die Bevölkerungsgruppe der jungen Mädchen abzielen soll, funktioniert wunderbar. Mit der britischen Band “One Direction” zum Beispiel, auch 1D genannt, schaffte die Musikindustrie mit dieser Strategie einen weltweiten Erfolg.
Das Wort “Fangirl” ist trotz aller Erfahrungen nicht negativ konnotiert, im Gegenteil. Der heutige Sprachgebrauch tendiert dazu, den Satz “ich bin ein Fangirl” bevorzugt zu wählen. Fangirling beschreibt das besonders aufgeregte Auftreten, wenn es um ihr Fanobjekt geht. Sie investieren besonders viel Zeit und Geld in ihr Fan-Dasein. Bilder von ihrem Star, Videos von Konzertauftritten, Zitate, ausgeschnittene Interviews aus dem aktuellen Tratschmagazin und natürlich Selfies mit ihren Leitbildern werden zwanghaft gesammelt. Diese leidenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Idol wird von vielen respektiert und geachtet, besonders in der eigenen Fangemeinde. Zum Fangirl-Dasein gehört auch die Liebe zu sich selbst. Denn wer seine Liebe zum Idol stolz und öffentlich präsentiert, indem man sich ein Fangirl nennt, der steht auch zu seiner Identität.
Über soziale Plattformen, wie “Instagram” und “Twitter”, können sie sich mit Gleichgesinnten austauschen. Die App “Tumblr” bietet den eifrigen Anhängern die Möglichkeit, ihren eigenen Blog mit dem gesammelten Material zu erstellen. In dieser virtuelle Welt können Fans und ihre Fanobjekte miteinander interagieren.

Das Licht wird gedimmt. Das Publikum beruhigt sich. Alle Augen sind auf den Sänger gerichtet, der zielstrebig auf das Klavier zuläuft. Er setzt sich und fängt an die ersten Töne zu spielen. Das Farbschema des Bühnenbildes wechselt von den lebhaften rot- und pinkfarbenen Tönen zu friedlichen Blautönen. Im Konzertsaal leuchten die kleinen Handylichter auf. Erst sind nur vereinzelte Lichtpunkte in der Menschenmenge zu erkennen, dann kommen immer weitere hinzu, bis ein Meer aus weißem Licht entsteht.
Das Lied langsam, der Gesang sanft, die Konzerthalle gefühlsgeladen. Die zuschauende Menge ist ganz ruhig. Manche haben die Augen geschlossen, um die ersten Töne genießen zu können. Andere halten ihr Handy fest in der Hand und filmen den wundervollen Moment. Sie wollen ihn einfangen und für immer festhalten.
Später werden die Bilder und Filme vom Konzert in den sozialen Netzwerken zu sehen sein. Auf “Tumblr”, “Twitter”, “Instagram” und “Youtube” werden die Fans ihre Erlebnisse für alle öffentlich teilen.
Der Sänger spielt die letzte Note des Liedes. Kurz bevor das Licht ausgeht, schaut er ins Publikum, ein Schnappschuss eines Fans, darauf zu sehen sein Gesicht. In seinen Augen sind Tränen. Das Bild verbreitet sich noch während des Konzertes im Internet.

Zwiespalt zwischen virtuell und real: Die “Like”-Generation
Schon lange werden keine Briefe mehr geschrieben, denn die einfachere Variante ist digital. Soziale Netzwerke wie “Twitter” ersetzen das Briefpapier, “Youtube” bietet eine neue Möglichkeit des individuellen Fernsehens und “Instagram” ist die Sprungschanze für eine erfolgreiche Karriere als Model, Internet-Berühmtheit oder Werbegesicht. Egal ob Wunderkind oder Youtube-Star, jeder braucht zum weltweiten Erfolg seine Fans. Es läuft wie im realen Leben. Wer die meisten Befürworter hat, der gewinnt am Ende. So ist es in der Politik, bei TV-Casting-Sendungen und auch im virtuellen Raum.
In Form von Verfolgern und “Gefällt-Mir”-Angaben, den Followern und den Likes, kann die Beliebtheit auf einer dieser sozialen Plattformen definiert und der Ruhm mit genauen Zahlen angegeben werden.

Muhamet, auch Momo genannt, ist 16 Jahre alt und kennt bereits jetzt schon beide Seite des Fandoms. Seit dem Jahre 2012 ist er aktiv Fan von dem Pandamasken-Rapper “Cro”. Im selben Jahr feierte der Rapper, der mit gebürtigem Namen Carlo Waibel heißt, seinen Nummer-eins-Hit “Easy” und legte somit den Grundstein für eine deutschlandweite Karriere im Musikbusiness. Momos Fanseite “Crotv” auf der sozialen Plattform “Instagram” zählt zu den größten und bekanntesten des Fandom. Genauso wie sein Vorbild Cro zeigt Muhamet sich nie ohne Maske im Internet. Neben seiner Fanpage betreibt er einen Youtube-Kanal, der der Auslöser seines Erfolges wurde. Gemeinsam mit seinen Freunden dreht er Videoclips und unterlegt es mit einem bekannten Musikstück seines Idols. In Form von einer Parodie drückt er durch das Medium Video seine eigene Interpretation dieses Liedes aus. Tausende von Likes bestätigen seine Arbeit. Mit der Zeit sammelte sich um den ursprünglichen Fan eine eigene Fangemeinde an. Momos Leidenschaft für seinen Lieblingsrapper schwang um in ein Erfolgsrezept, das ihn auf vielen Social-Media-Kanälen zu einer Berühmtheit machte. Aus einer kleinen unauffälligen Fanpage wurde eine aus der Menge herausstechende Marke. So, wie es sich für ein Kind der Zweitausender gehört, wird das Interview mit uns in Form von Sprachnotizen per Whatsapp geführt. Ein Telefonat wird gar nicht in Erwägung gezogen, denn warum sollte man es sich schwerer machen, wenn es eine schnellere und leichtere Alternative gibt?
Muhamet erzählt uns, wie es ist, als Fan Teil einer Fan-Community zu sein und gleichzeitig die Seite der Person zu kennen, der sich die ganze Aufmerksamkeit widmet.
Die Auslöser des Fan-Werdens sind meistens unbedeutend und oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen. So war es auch bei Muhamet. Das kleine Detail der Maske, das den Rapper Cro ausmacht, ließ ihn neugierig werden: “Ich finde Typen mit Maske faszinierend. Das Mysteriöse der Maskierung verhalf nicht nur den deutschen Rappern Sido und Lance Butters zu ihrem Durchbruch in die Charts, sondern auch Cro profitierte von diesem Trend. Seine ruhige, entspannte Art gefällt mir.” Mit seiner Fanpage wollte Momo den Stuttgarter Rapper unterstützen. Nach drei Jahren aktivem Teilen auf Instagram sammelt sich die ein oder andere amüsante Geschichte an. Es ist bekannt, dass viele Fans alles Mögliche tun würde, was in ihrer Macht liegt, um die Aufmerksamkeit ihres Idols zu erlangen. Eine lustige Anekdote aus Muhamets Erfahrungen im Fandom beschreibt oft das Verhalten faszinierter Anhänger. Auf seiner Instagram-Seite wollte er ein selbst bearbeitetes Bild zur Schau stellen und unbedingt die Vergewisserung haben, dass Cro dieses aufwendig bearbeitete Bild auch sehen würde. Er griff zu radikalen Mitteln und lud das Bild immer und immer wieder hoch und rief seine Follower dazu auf, das sind die Leute, die “Crotv” abonniert hatten, den Nickname seines Idols unter dem besagten Bild zu markieren. Diese Aktion brachte so viel Aufmerksamkeit, dass sein Account explosionsartig wuchs. Muhamets Strategie ging auf, denn Cro markierte das Bild nach einer langen Tortur mit “Gefällt Mir”. “Der Gedanke dabei, dass Carlo mit einem Lächeln auf dem Gesicht auf meiner Seite war und meine Arbeit würdigte, fand ich gut.”, so Momo später.
Eine Fanpage zu führen, hört sich leichter an als es eigentlich ist. Die erste Zeit reicht es aus, schon bekannte Bilder von dem Idol einfach erneut hochzuladen. Doch nach einer gewissen Zeitspanne verlieren die Leute das Interesse daran. Muhamets Geheimtipp ist es, sich von der Masse abzuheben, indem man viel Zeit und Aufwand in die Pflege der Seite steckt. Allzeit online zu sein gehört nun einmal dazu: “Man darf keine Infos verpassen, damit man die erste Page ist, die die Follower über Neuigkeiten aus dem Leben des Stars informiert.” In dem jetzigen Zeitalter der vielen Unterhaltungsmöglichkeiten im Internet ist es jedoch immer schwerer im Gespräch zu bleiben. Die Zeit offline verringert sich zunehmend im Leben der modernen Kommunikationsgesellschaft. Dieses Phänomen der dauerhaft aktiven Teilnahme an Sozialen Netzwerken entsteht durch die Angst etwas zu verpassen. Seit dem Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ist es fast unmöglich, uninformiert über die neuesten Geschehnisse zu sein. Durch den technischen Fortschritt und die weltweite Vernetzung stehen schon Sekunden nach einem Ereignis Informationen darüber im Internet. So wird beinahe in Echtzeit über die Wahlergebnisse des neuen Präsidenten der USA berichtet oder über schreckliche Anschläge in Kriegsgebieten in Nachrichten-Apps informiert.
Im öffentlichen Leben zu stehen und für alle sichtbar eine Person zu unterstützen, bringt auch Nachteile mit sich. Nicht jeder ist begeistert von den Fanobjekten Anderer und empfindet nur geringe Sympathie für sie. So gehört es in Momos Alltag dazu, mit negativer Kritik an seiner Arbeit umzugehen. Fans können respektlos anderen Fans gegenüber sein. Doch Muhamet fand eine gute Lösung für sich: “Früher kam viel Gegenwind, doch heute weiß ich es besser und reagiere nicht mehr auf solche blöden Kommentare. Mein Motto ist ‘leben und leben lassen.’”
Zum Glück werden die positiven Facetten des Fan-Seins intensiver wahrgenommen als die negativen. Ein loyaler Freundeskreis akzeptiert die neuen Vorlieben eines Freundes und unterstützt ihn in seinem Handeln. Momo konnte sich glücklich schätzen, denn seine Freunde blieben die Gleichen. Manche von ihnen mögen Cro, andere hassen ihn. Doch das ist dem 16-jährigen egal. Sein Bekanntenkreis erweitert sich sogar stets durch Cro, ganz nach dem Prinzip der Homophilie, der gleichen Liebe: “Es ist leicht, Freundschaft mit jemanden zu schließen, der die gleichen Interessen teilt.”
Auf die Frage nach seinen Fans muss Momo stöhnen. Ursprüngliche Cro-Fans konzentrieren sich nicht weiter auf den Gewinner von unzähligen goldenen Platten, sondern auf den mysteriösen Jungen, der auf allen sozialen Netzwerken stets präsent ist. Muhamet äußerte sich dazu: “Ich werde auf so vielen Plattformen, beispielsweise auf “Snapchat”, angeschrieben. Oft öffne ich die Nachrichten nicht einmal mehr, da sie sonst sehen, dass ich es gelesen habe und dann ausrasten. Ich hab viele Fanpages in kurzer Zeit dazu bekommen. Viele finden meine Arbeit gut und wollen genau das für mich tun, was ich vor drei Jahren für Cro tat.”
Direkt nach dem Beenden unserer modernen Form des Gesprächs über Sprachnachrichten bekommen wir die Benachrichtigung, dass Muhamet auf seiner Seite “Crotv” einen Livestream begonnen hat. Er setzt sich vor die Kamera, natürlich wie gewohnt mit der Maske auf dem Kopf und redet in Echtzeit mit seinen Zuschauern. Viele Apps, insbesondere Snapchat, überbringen die Mitteilungen mit der Livestream-Funktion noch schneller als schon gewohnt. Der Livestream bietet die Möglichkeit, wie der Name schon sagt, sich live mit seinen Fans in Kontakt zu setzen. Nach nur ein paar Sekunden sammelt sich eine große Gruppe von Menschen an, die interessiert daran sind, den Jungen mit der Maske zu sehen. Dies bestätigt die Omnipräsenz der sozialen Netzwerke im Leben der meisten Jugendlichen.
Zu unserem Erstaunen erzählt Muhamet von seinem gerade geführten Interview und ruft dabei auf, der privaten Instagram-Seite von mir, der Journalistin, zu folgen. Gesagt, getan: Keine zwei Minuten vergehen und ich bekomme die Benachrichtigung von zehn neuen Followern! Momo weiß ganz genau, wie er mit seinem Einfluss umzugehen hat und setzt ihn gezielt ein, so wie es sich für ein Fanobjekt des digitalen Zeitalters gehört.
Muhamet schützt seine Privatsphäre mit der Maske, die sein Gesicht verdeckt. Dennoch ist es schwer, als Person des öffentlichen Lebens wirklich privat zu sein. So kam es vor ein paar Monaten zu dem Vorfall, dass Momo Fangeschenke vor seiner Haustür fand. Mit den wenig gegebenen Informationen mussten ein paar Fans seine Adresse herausgefunden haben. Dieser starke Wille der Anhänger ist für ihn beängstigend. Ihm stellt sich die Frage, ob seine Sicherheit im Alltag garantiert ist, wenn es für seine Fans ein Leichtes ist, seinen Wohnort zu ermitteln.

Stillstand durch 140 Zeichen
Der Grad zwischen Fan und Stalker ist gering. Fans sammeln im Alltag Informationen über ihr Idol, doch wenn die Neugier zu groß wird, dann wird aus der gewöhnlichen Distanz zwischen Fan und seinem Fanobjekt schnell mal Stalking. Der übereifrige Fan überschreitet eine Grenze und dringt in die Privatsphäre seines Idols ein. Nicht nur Stalker behindern das Leben eines Fanobjektes. Durch die Berühmtheit des Angehimmelten kann dieser nicht mehr anonym und unerkannt über die Straße laufen. Diese Erfahrung durfte auch Internet-Star Cameron Dallas machen, als er sich plötzlich, von einem Tag auf den anderen, nicht mehr frei und unerkannt auf der Straße bewegen konnte.
So wie jede große Internet-Berühmtheit hat auch jeder junge Mädchenschwarm einmal klein angefangen. Auf der Internetplattform Instagram kann sich jeder, der sich nach Aufmerksamkeit sehnt, ein kleines unabhängiges Profil anlegen und sich der Öffentlichkeit so präsentieren, wie er es möchte. Unbeeinflusst von der Außenwelt kann er sich frei entfalten, ohne an eine Agentur gebunden zu sein, die ihn einschränkt.
Seit kurzer Zeit ist es offiziell, dass der 22-jährige Cameron Dallas zu den 30 einflussreichsten Personen in ganz Hollywood gehört. Doch wie konnte es dazu kommen?
“Influencer” wie er können vor allem eines gut: sich selbst darstellen und vermarkten. Vor fünf Jahren fing alles mit kurzen sieben-Sekunden-Videos an, die ihn zeigten. Seine Kulisse: das Kinderzimmer. Millionen Menschen gefällt das, und seit dieser Zeit ist klar, was für einen Einfluss die “It-Boys” der Social-Media-Kanäle haben.
Mit nur 140 Buchstaben auf Twitter und einem Selfie auf Snapchat verursachte Dallas einen wahren Massenauflauf bei der Fashionweek in Mailand, für die er als “Calvin-Klein”-Model für den Laufsteg gebucht war. Tausende junge Mädchen versammelten sich auf der Straße vor Dallas Hotel und legten den Verkehr lahm. In einem Interview erzählt der Influencer, dass er mit dieser Aktion den ganzen großen Unternehmen zeigen wollte, wie viel Einfluss das virtuelle Netz inzwischen hat.
Was zeichnet einen Influencer eigentlich aus? Cameron Dallas hat fast zehn Millionen Follower auf Twitter. Zählt man Instagram, Snapchat und andere Netzwerke hinzu, kommt er auf 35 Millionen, die ihm online folgen. Das macht ihn zu einem „Influencer“. Wenn er ein Bild von seinen neuen Adidas-Schuhen postet, dann hat er erheblichen Einfluss auf die Konsumenten: er setzt Trends. Im Gegensatz zu den Rote-Teppich-Stars wurde Dallas nicht entdeckt, er baute seine millionenfache Fanbase ganz alleine auf. Er traf sich nicht mit Agenturen oder Modelscouts, die ihm genau vorschreiben, wie er sich am besten präsentieren muss, um als beliebtes Fanobjekt agieren zu können. Er geht seinen eigenen Weg, was ihm Authentizität verleiht. Diese Form des Auftretens kommt gut bei seinen Anhängern an, die als mögliche Konsumenten für Unternehmen interessant sind. Einen Influencer als Werbegesicht zu haben, ist in diesem Fall eine gute Marketingstrategie.
Der junge Mann verfällt oft in ziemlichen Stress, wenn er bemerkt, dass er eine Internetplattform an einem Tag vernachlässigt hat. Denn für ihn ist das Ganze nicht nur ein Spiel, wenn er um 14 Uhr amerikanische Zeit ein Bild von sich hochlädt. Während seine Follower einen Cameron Dallas lachend auf einem Surfbrett im Meer sehen, sieht das Teenie-Idol Tortendiagramme, Balken und Graphen: Er analysiert, wie vielen Menschen seine Bilder gefallen und um welche Uhrzeit die Aktivität seiner Anhänger am größten ist. Wie die Wochenzeitung “Die Zeit” schon richtig erkannte, bauen seine Fans zu Cameron Dallas eine parasoziale Bindung auf. Durch die stetige Präsenz ihres Idols auf den sozialen Plattformen meinen die Fans, ihr Idol zu kennen und ihm nah zu sein. Die Internetstars Cameron Dallas, Taylor Caniff und Aaron Carpenter sahen dies als Chance für ein profitables Leben in der Öffentlichkeit.
2013 konnten viele Fans ihre Stars auf deren “MAGcon”-Welttour hautnah erleben. Magcon steht für „Meet And Greet Convention“, also handelt es sich um eine Veranstaltung, auf welcher die Stars sich mit ihren Fans treffen, um Bilder zu machen, Autogramme zu schreiben und Smalltalk zu betreiben. Erfolgreiche Influencer touren mit ihren Freunden, die ebenso eine millionengroße Fangemeinde haben, durch die Welt. Während viele Gleichaltrige ihren Lebensunterhalt mit Mindestlohnjobs finanzieren müssen, verdienen die jungen Erwachsenen mit ihrem Aussehen und ihrer humorvollen Art Geld in Millionenhöhe. Ermöglicht wird ihnen der Ruhm und die finanzielle Sicherheit durch die heutigen sozialen Netzwerke mit ihren Fans. Sie sind die Ersten, die den Schritt von der virtuellen Welt in die reale Welt geschafft haben. Ein kleines Profil auf Instagram florierte und nur ein paar Jahre später stehen die Newcomer auf einer Bühne vor tausenden Menschen. Auch wenn sie nicht die besten Stimmen haben, keine Tanz-Choreographie oder ein festes Bühnenprogramm, ihre Fans bleiben ihnen treu und zahlen sogar über 40 Euro für ein einziges Bild mit ihrem Schwarm. Dabei haben die Jungs etwas geschafft, wovon viele Jugendliche träumen. Mit einfachen Videos und einem netten Lächeln wurden sie auf einer gewöhnlichen Internetplattform weltberühmt.
Wie kann man seinem Fanobjekt seine Liebe zeigen? Auf welche Weise kann dem Idol gewürdigt werden? Jeder Fan trifft hier seine eigene Entscheidung. Es werden Tattoos mit dem Logo seines Stars gestochen, Zimmer mit Postern plakatiert, Bilder, die das Idol zeigen, gezeichnet und Geschichten geschrieben. Die Auswahl an Möglichkeiten, um seine Hochachtung auszudrücken, ist riesengroß. Kreative Fans greifen dabei meist auf ihre künstlerische Begabung zurück und kreieren Fan-Art, also Kunst, die thematisch mit dem Fanobjekt verknüpft ist. Die Bilder können von Hand gezeichnet, per Photoshop als Collage bearbeitet, farbenfroh oder schwarz-weiß sein. Was alle Werke verbindet, ist die Mühe und Hingabe, die der Fan in seine Arbeit steckt. Interessant wird es besonders bei Fans von Büchern, denn in diesen Fandoms gibt es keine genaue Vorgabe, wie nun der Held der Buchreihe aussieht. Mit jeder Zeichnung wird die Vorstellung des Künstlers auf Papier gebracht. So ist es möglich, dass fünf verschiedene Zeichnungen des Protagonisten komplett unterschiedlich aussehen können, da sich jeder seinen Lieblingscharakter anders ausmalt. Die Fanart bietet den Autoren einen Einblick in das Bild, das ihre Leser von den fiktionalen Charakteren haben. Um eine große Bandbreite an Menschen zu erreichen, stellen die Künstler ihre Fanart in das Internet. Dort können die Werke meist von Mitgliedern des eigenen Fandoms bestaunt und beurteilt werden. Deren überwiegend positive Rückmeldung gibt dem fleißigen Künstler den Ansporn, weitere Fanarts anzufertigen. 2012 veröffentlichte der US-amerikanische Fan Mark Parsons einen animierten Kurzfilm über seine Lieblingsband “One Direction”. Die fünf Bandmitglieder waren darin als geheime Superhelden dargestellt, die es mit schrecklich irrsinnigen Bösewichten zu tun haben. Er produzierte den knapp 18-minütigen Film mit viel Sorgfalt alleine. Die Animation, die Musik, die Stimmen und die Idee der Geschichte sind sein Verdienst. Diese kreative Idee brachte ihm Lob und über 40 Millionen neue Zuschauer auf seinem Youtube-Kanal ein. Parsons Umgang mit seinem Fanobjekt differenziert sich von dem der Zeichner und der Künstler. Während die Fans ihr Bild eines Charakters auf Papier bringen, nimmt Parsons sein Fanobjekt und schreibt beziehungsweise animiert sie in eine komplett fremde Geschichte hinein. Parsons ist mit dieser Praxis der Änderung der Realität nicht alleine. Viele Fans verändern wahre in fiktive und individuelle Geschichten und bauen ganz neue Welten um ihre Charaktere. Diese von Fans geschriebenen Geschichten nennen sich Fanfiction. Im Internet gibt es etliche Seiten, die sich nur mit dieser Form der Kreativität auseinandersetzen. Entweder sprechen sie gezielt nur ein Fandom an, oder die Internetseite ist für mehrere Fandoms offen. So gibt es beispielsweise ein Forum, das nur für Anhänger der Harry-Potter-Bücher geschaffen ist. Es ermöglicht dieser Fangruppe, Fanfiction mit der Thematik “Harry Potter” hochzuladen und diese somit intern in dieser Gemeinschaft zu teilen. Dann gibt es auch Plattformen, wie beispielsweise “Wattpad”, das jeder Art von Fangruppe Platz zur freien Entfaltung im Schreiben bietet. Wattpad ist eine der beliebtesten Fanfiction-Plattformen. Nach Angaben der Seite besuchen sie monatlich etwa 45 Millionen Menschen. Sie ist in 50 verschiedenen Sprachen abrufbar und veranstaltet jährliche Wettbewerbe, genannt Wattys, bei denen die populärsten und besten Veröffentlichungen geehrt werden. Neben selbst erfundenen Geschichten gibt es eine vielfältige Fanfiction-Rubrik. Jeder, der über 13 Jahre alt ist, darf sich bei der Plattform anmelden, um daraufhin selber eine Geschichte zu schreiben oder um bereits verfasste Werke zu kommentieren und zu bewerten. Die Nutzung der Plattform ist ganz einfach: Bei der Anmeldung gibt der Nutzer bestimmte Präferenzen an, daraufhin werden von der Plattform Lesevorschläge gemacht, die nun dem User individuell angezeigt werden. Die Geschichten werden kapitelweise veröffentlicht. So entsteht sowohl für den Autor als auch für den Wattpad-Nutzer eine Routine. Wöchentlich schreibt der Autor ein Kapitel und stellt es online. Somit muss ein interessierter Leser dann in diesem Turnus die Seite besuchen, um sich das neueste Kapitel durchlesen zu können.
Es ist keine Norm vorgegeben, die die Geschichte eingrenzen könnte. In dieser Freiheit sehen viele die Möglichkeit, ihren Fantasien und ihren Wünschen freien Lauf zu lassen, sodass durchaus auch sexuell anrüchige Fanfiction entstehen kann. Diese Werke tragen dann oft zum negativen Ruf von Fanfiction bei. Wenn Fanobjekte auf diese Geschichten über sich angesprochen werden, dann folgt meist ein prekäres Schweigen oder ein verunsichertes Lächeln. Dies gilt besonders für männliche Fanobjekte, deren Fangemeinde hauptsächlich aus weiblichen Jugendlichen besteht. Matthew Healy, Frontsänger der Britischen Band “The 1975”, rief mitten im Interview empört und schockiert: “Fanfiction, have you seen that shit!”, was soviel heißt, wie “Fanfiction, hast du den Dreck gesehen!”.
Ausgehend von seinen Erfahrung, assoziiert der Mädchenschwarm Fanfiction mit Erotikgeschichten. Wichtig ist dabei, dass der Fan und sein Idol die Protagonisten in diesen Handlungen spielen. Doch Healys Sicht auf Fanfiction teilen nicht alle. Die Autorin Rainbow Rowell sieht es als eine Ehre, wenn Fans aus ihren Erzählungen Inspiration ziehen, um selber Fan-Art und Fanfiction zu erschaffen. In ihrem Büro hängt überall Fan-Art, denn sie findet es schön, dass man ihre fiktionalen Charaktere in gewisser Weise zum Leben erweckt.
Für einen Fan, der Fan-Art macht und sie online stellt, ist der Zuspruch von der eigenen Fangemeinde und dem der Fanobjekte von großer Bedeutung für seine Motivation. Im Fandom sind die Fans nett und respektvoll zueinander, sie verbindet die Verehrung des Fanobjektes. Gleichzeitig bewundert man sich untereinander für das große Engagement. Wer sich anstrengt, viele Informationen sammelt, Fan-Art kreiert oder sich generell gut mit dem Fanobjekt auskennt, der wird innerhalb des Fandoms akzeptiert. Die Fans schließen untereinander Freundschaften und helfen sich gegenseitig mit positiven Kommentaren, Unterstützung durch Fanpages und Teilnahme an offiziellen Fanclubs. Zum einen besteht der Zusammenhalt des Fandoms aus dem gemeinsamen Interesse an dem Fanobjekt. In den anderen Punkten trägt das Fanobjekt selbst zum Zusammenhalt der Gemeinde bei. Mit einfachen Kosenamen ehrt das Objekt seine Fans für ihre Loyalität. Die Youtuber John und Hank Green nennen ihre Fans liebevoll Nerdfighters, Taylor Swift hat ihre Swifties, Katy Perry ihre Katycats und Ed Sheerans seine Sheerios genannt. Die Band “The Wanted” mischt Fan und Family gleich zum Spitznamen Fanmily. Diese Kollektividentität schweißt das Fandom zusammen. Dadurch, dass die Fangemeinschaft eine Gruppe bildet, grenzen sie Nicht-Fans aus. In den meisten Fällen herrscht zwischen bestimmten Fandoms Streit. Die wohl brutalste Form des Fankonfliktes ist der Streit zwischen Hooligans, die sich mit den Fans anderer Fußballvereine prügeln. Die sanfte Variante gibt es im Internet, wo die Fans von “One Direction” und “5 Seconds Of Summer” sich auf das Schlimmste beschimpfen. Doch auch diese bewusste Abgrenzung trägt zum Gruppengefühl bei. Innerhalb eines Fandoms kann es jedoch sehr wohl ebenfalls zu Gruppierungen kommen. Wenn es um Bücher geht, gibt es, wie bei dem Buch “Twilight”, schnell einen Charakter, für den man Partei ergreift. So bilden sich die verschiedene Teams der “Jakob”-und “Edward”- Befürworter. Bei “Tribute von Panem” ist es das Team “Gale” oder Team “Peeta”, und auch die echten Stars werden untereinander “geshippt”, das heißt Pärchenwünsche geäußert. Die Einen wünschen sich Taylor Swift und Ed Sheeran als Sweeran, die Anderen wollen, dass Taylor Swift und Taylor Lautner als Taylor Squared, also Taylor im Quadrat, eine Beziehung eingehen.
Die Beziehung von Fandom zu Fanobjekt ist ein wenig einseitig. Der Fan weiß sehr viel über sein Idol und verbringt viel Zeit damit, sich mit dem Fanobjekt auseinanderzusetzen. Das Idol im Gegensatz dazu veröffentlicht ein paar Bilder oder Nachrichten online mit seinen Fans. Wenn der Star einen Meilenstein in seinem Leben erreicht, wie zum Beispiel den Gewinn eines Preises, so bedankt er sich bei seinen Fans. Diese fühlen sich vom Idol wahrgenommen und wertgeschätzt. Als Konsequenz für das Lob und die Beachtung wird der Fan in seinem Dasein bestärkt. Er besucht Konzerte, Veranstaltungen, kauft Fanprodukte, kauft das neueste Album der Bewunderten und erhöht damit den Erfolg des Angehimmelten. Wenn das Idol mal niedergeschlagen ist, so muntern es die treuen Fans wieder auf. Das Gleiche gilt auch umgekehrt. Fans muntern sich mit Filmen, Musik oder Büchern ihrer Vorbilder wieder auf. Die Fanobjekte fungieren als Vorbilder, indem sie ihren Anhängern Dinge lehren und erklären.

Der Sänger bedankt sich bei dem wunderbaren Publikum und fordert alle in der Halle auf, die Hände in die Höhe zu strecken: “So Leute! Jetzt kommt unser letztes Lied für heute. Seid ihr bereit?”, ruft er in das Mikrofon. Die Menge tobt. Blinkende Lichter und fetzige Schlagzeugbeats eröffnen den Nummer-eins-Hit der Band. Kleines silbernes Konfetti regnet aus der Luft und verfängt sich in den Haaren der wild tanzenden Konzertbesucher. Wie wild wedelt die erste Reihe mit den Armen in der Luft, um ein wenig des Konfettis zu ergattern als spätere Erinnerung an dieses Ereignis. Durch das blitzartig erscheinende Feuer, das aus den vier kleinen Feuermaschinen auf der Bühne stammt, entsteht eine Hitze, die selbst noch die elfte Reihe spüren kann. Das Publikum wird aufgefordert mitzusingen.
Die Handykameras filmen das Konzertgeschehen, Bilder werden geschossen, Sprachnachrichten an die Freunde verschickt, die heute nicht dabei sein konnten. Mitten im Refrain fängt das Handy eines Zuschauers zu vibrieren an. Auf dem Bildschirm steht eine Benachrichtigung der Wattpad-App: Ein neuer Beitrag der Fanfiction-Autorin “Marinalovesthebook” ist verfügbar:

“Hallo meine Lieben,
ich habe tolle Neuigkeiten für euch. Ein Verlagshaus hat mich entdeckt und sie wollen jetzt meine Geschichte “Schattengeflüster” als echtes Buch veröffentlichen! Natürlich müssen die Namen, Orte und Merkmale der Hauptcharaktere verändert werden, sonst gibt das noch rechtliche Konsequenzen, doch die Geschichte bleibt gleich.
Ich möchte euch treue Leser von ganzem Herzen danken. Ohne euch hätte ich es nie soweit gebracht. Ich musste meinen ganzen Mut zusammennehmen, um mich überhaupt zu überwinden, die Geschichte zu schreiben. Ich hatte Angst vor der negativen Kritik, doch eure lieben Kommentare, die tagtäglich in meinem Benachrichtigungsfeld auftauchen, haben mich beflügelt. Ich erinnere mich noch ganz genau an den Tag, an dem ich den Entschluss fasste, eine Fanfiction über “The Maze Runner” zu schreiben. Versteht mich nicht falsch, ich liebe die Buchreihe, doch ich war einfach nicht zufrieden mit dem Ende, den James Dashner für all seine Charaktere vorgesehen hatte. Ich konnte nicht anders, ich musste ihnen einfach ein würdiges Ende verleihen. Also fing ich an zu schreiben. Es machte mir unglaublich viel Spaß, und ab Kapitel sechs fiel mir auf, dass euch die Geschichte auch gefällt, immerhin hatte sich die Leserzahl fast vervierfacht. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie stolz ich war. Es gibt so viele Geschichten, aus denen ihr hättet wählen können, doch ihr habt euch ausgerechnet für meine Fanfiction entschieden.
Ich habe lediglich das Ende nach meinen Vorstellungen umgeschrieben. Viele Andere fügen selbsterfundene Charaktere in ihren Geschichten hinzu, gehen selber eine Beziehung mit ihrem Schatz ein, lassen alles in einem alternativen Universum abspielen oder nehmen nur die Welt als Grundlage, in der die Charaktere leben. Dann gibt es noch die ganz speziellen “Lemon”, mit einer detaillierten Beschreibung von sexuellen Akten, die erst ab 18 Jahren freigeschaltet sind. Ich werde nichts Negatives über solche Geschichten sagen, denn ich sitze jetzt mit einer Verfasserin solcher Texte in einem Boot. Ihr wisst ja alle, dass die Ursprünge der erotischen Roman-Trilogie “50 Shades of Grey” in der Twilight-Fanfiction mit dem Namen “Master of the Universe” liegen. Mittlerweile wurden schon über 100 Millionen Bücher verkauft. Das ist einfach nur verrückt, findet ihr nicht auch? Wer weiß, wenn ich mich richtig anstelle, wird aus “Schattengeflüster” auch eine erfolgreiche Buchreihe und vielleicht folgt dann ebenso eine Verfilmung. Ihr dürft dann selbstverständlich prahlen, dass ihr Fans der ersten Stunde seid. Verrückt wäre es, wenn über meine Fanfiction eine weitere Geschichte von euch geschrieben werden würde. Stellt euch das mal vor! Man könnte fast von einer “Fanfiction-Inception” reden. Als ich anfing an meiner Geschichte “Schattengeflüster” zu schreiben, erzählte ich niemanden in meinem persönlichen Umfeld davon. Mir war es peinlich. Dann bin ich mit euch, meine lieben Leser, in Kontakt getreten. Ihr habt meine Leidenschaft, das Schreiben, auf dieser Plattform geachtet und respektiert. Hier wurde ich nicht als verträumter Freak angesehen, sondern als talentierter Fan. Ihr habt mir gezeigt, wie viel Wert ich doch habe. Durch euch ist mein Selbstbewusstsein gestärkt. Wenn mich jemand in der Schule doof anmacht, weil ich die ”falschen” Klamotten trage oder nun mal lieber Bücher lese, anstatt mit meinen Freunden feiern zu gehen, dann denke ich an euch, an die herzliche Fangemeinde, die zu Hause an meinem Computer auf mich wartet. Ich danke euch nochmal von ganzem Herzen! Wenn ihr vorhabt, mit eurer Fanfiction etwas Geld zu verdienen, dann versucht es mal auf “Kindle World” von Amazon, bis jetzt gibt es nur 24 Fandoms, die dort eine Fanfiction schreiben können, aber vielleicht wird dies durch verstärkte Nachfrage ausgebaut. Ihr schafft alles!
Ich hab euch alle unglaublich lieb, passt auf euch auf.
Viele Grüße,
Marinalovesthebook”

Alle Lichter gehen aus. Vom Publikum aus kann man die Silhouetten der Band erkennen, die von der Bühne gehen. Der ganze Körper kribbelt noch von der Aufregung der letzten zwei Stunden. Die ersten Zuschauer drehen sich in Richtung Ausgang. Die meisten aber bleiben noch stehen und versuchen, das Erlebte zu verarbeiten. Eine Gruppe von Mädchen schießt ein Foto von ihren Konzertbändchen, das sofort auf Snapchat landet. Sie tragen Merchandise und haben rosa Plakate in ihren Händen. Ein Fan schaut auf sein Handy, ob die Band schon etwas zum beendeten Konzert gepostet hat. Auf dem eigenen Handy kommen Benachrichtigungen an, die mit Bildern des Konzertes von dessen Erfolg berichten. Die Gedanken sind noch beim Konzert. Die Lichter, die Farben, die Musik, der Gesang, die Gefühle. Alles lässt man kurz Revue passieren. In den Ohren klingen noch die letzten Töne der Musik nach. Die Augen müssen sich erst wieder an die unauffällige, fast schon monotone Umgebung gewöhnen. Es kommt der Einfall, dass es Zeit wird nach Hause zu gehen. Ein Auto hupt, es ist der Abholservice, der einen abholt. Am Auto klebt ein Marvel-Comic-Aufkleber, der Fahrer trägt ein “The Walking Dead”-T-Shirt.
“Kommst du jetzt?” ruft es quer über den Parkplatz. Und so läuft eine kleine Schar an Fans in die Nacht hinein, glücklich und mit Fanliebe im Herzen.

Von Sophie Zwick und Leona Remler

 

Quellen:

Buchquellen:
“Fans – Soziologische Perspektiven” von Jochen Roose, Mike S. Schäfer, Thomas (Hrsg.) Schmidt-Lux
“Fangirl” von Rainbow Rowell

Internetquellen:
http://www.zeit.de/2017/03/cameron-dallas-influencer-marketing-selbstvermarktung

What a Fangirl Knows